Marl/Hamburg: Fußball nur für Heterosexuelle?

eingereicht durch Matthias & Markus am Donnerstag, 04. Februar 2010 (42 gelesen)

Sport

Noch ist es ein Tabuthema im Sport: Homosexualität. Und besonders im Fußball hat jeder Heterosexuell zu sein. Doch sie gibt es: Lesben und Schwule im Fußball. Aber um der Norm und dem Idealbild des heterosexuellen Sportlers zu genügen, werden von Spitzensportlern und deren Clans mühsam und aufwändig konstruierte Doppelidentitäten mit Frauen und Männern geschaffen.

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Weil Fußball und Homosexualität nach wie vor als unvereinbare Gegensätze gelten, gibt es offiziell im deutschen Profifußball keine Lesben und Schwulen. Kein deutscher Profi hat sich bislang als Homosexueller zu erkennen geben. Dabei müsste es, statistisch gesehen, mindestens drei homosexuelle Teams in der Bundesliga geben. Auch wenn unter Hand Namen gehandelt werden, wird weiter Verstecken gespielt und viel Energie dafür verwendet, Fußball als heterosexuelle Zone zu erhalten.

Einer derjenigen, welcher sich mit diesem Phänomen ausführlich auseinandersetzt, ist der in Bonn lebende, deutsche Fernsehjournalist, Filmemacher, Regisseur, Autor und Produzent Aljoscha Pause. Pause der von Juli 1997 bis Februar 2003 und 8 als Redakteur beim Deutschen Sportfernsehen (DSF) gearbeitet hatte, erregte nicht nur Aufsehen, sondern sorgte auch für einigen Wirbel, als am 28. Mai 2008 im DSF die von ihm angefertigte Dokumentation „Das große Tabu - Homosexualität und Fußball“ ausgestrahlt wurde, die die Frage nach dem Status Quo von gleichgeschlechtlicher Liebe im deutschen Volkssport Nummer eins stellte.

Der Autor, welcher am 25. Oktober 2008 im Festsaal des „Lesbisch-schwulen Kultur-Hauses“ in Frankfurt am Main dafür mit dem Felix-Rexhausen-Preis, dem Medienpreis des Bundes lesbischer und schwuler JournalistInnen ausgezeichnet wurde, ließ es doch dabei nicht bewenden und legte nach: In Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur begleitete Pause weitere 12 Monate die Thematik im Fußball und beobachtete, ob es nach der „Initialzündung“ 2008 - bei DFB und Bundesliga - den Tabubruch tatsächlich gegeben hat.

In seiner Dokumentation „TABUBRUCH - Der neue Weg von Homosexualität im Fußball“, welche am 19. Mai 2009 im DSF ausgestrahlt wurde, begleitete der Autor mit seiner Kamera Verbandsinterne Prozesse, Meetings und Aktionen wie den ersten DFB-Auftritt bei einem CSD. Aber auch die von Christoph Daum (2006 bis 2009 Trainer des 1. FC Köln) gemachte Äußerung in der Dokumentation von 2008: „Da wird es sehr deutlich, wie sehr wir dort aufgefordert sind, gegen jegliche Bestrebungen, die da gleichgeschlechtlich ausgeprägt sind vorzugehen. (...) Gerade den uns anvertrauten Jugendlichen müssen wir mit einem so großen Verantwortungsbewusstsein entgegentreten, dass gerade die, die sich um diese Kinder kümmern, dass wir denen einen besonderen Schutz zukommen lassen. (...) Ich hätte da wirklich meine Bedenken, wenn dort von Theo Zwanziger irgendwelche Liberalisierungsgedanken einfließen sollten. Ich würde den Schutz der Kinder über jegliche Liberalisierung stellen.“, wurde von Pause nochmals aufgegriffen und er ließ Christoph Daum in einem ausführlichen Interview dazu Stellung nehmen.

Adolf-Grimme-Institut und Hamburger Kammerspiele befassen sich mit „Tabu“-Thema

Ferner machte in der Dokumentation Corny Littmann, Präsident des FC St. Pauli, deutlich, dass es in der Bundesrepublik Deutschland Netzwerke schwuler Fußballprofis gibt und auch der Frauenfußball fand ausführliche Berücksichtigung: Inka Grings und Linda Bresonik nahmen Stellung zu homosexuellen Beziehungen unter Profi-Spielerinnen und berichteten über ihre unangenehmen Erfahrungen mit der Boulevardpresse.

Der Film dokumentierte auch erstmals die internationalen Aspekte von Homosexualität und Fußball: In Holland engagiert sich Louis van Gaal („Einem Trainer geht es um die Qualität eines Spielers. Dabei ist nicht von Bedeutung, ob er hetero oder schwul ist.“), seit 1. Juli 2009 Trainer des FC Bayern München, der ebenso zu Wort kam wie der ehemalige Bayern-Star Luca Toni.

Aussagen wie die des ehemaligen europäischen Spitzenspielers und heutigen TV-Experten Zbigniew Boniek: „Es widert mich an. Ich bin ein Traditionalist. Mir gefällt das normale Leben.“, verdeutlichen jedoch, dass es noch ein langer Weg zu einem weltoffenen Umgang mit Homosexualität im Fußball zu sein scheint. Eine große Umfrage unter namhaften Bundesliga-Profis, Trainern und Managern, die sich erstmals differenziert zum Thema Homosexualität im deutschen Fußball äußern, komplettierte die 60-minütige Dokumentation.

Aljoscha Pause wurde nun für den 46. Adolf-Grimme-Preis in der Kategorie Information & Kultur, Gruppe Spezial, „für seine journalistische, herausragende und mutige Leistung in dem Film 'TABUBRUCH - Der neue Weg von Homosexualität im Fußball" ein Thema anzusprechen“, nominiert. Die PreisträgerInnen werden am 10. März 2010 bekanntgegeben. Die Preisverleihung findet am 26. März in Marl statt.

Doch nicht nur in Marl beschäftigte man sich gestern mit dem Thema Homosexualität im Fußball, sondern auch in Hamburg. In Kooperation mit der DFB-Kulturstiftung werden die Hamburger Kammerspiele ab dem 9. Februar 2010 das Monolog-Drama „Seitenwechsel“ (im Original: „Gaffer!“) von Chris Chibnall zur Aufführung bringen. Um alle Beteiligten für die Thematik dieser beachtenswerten Produktion zu sensiblisieren, gab es gestern, 3. Februar 2010, dazu ein Bühnengespräch.

Unter dem Titel „Theater trifft Fußball: Homophobie im Fußball“ standen im Rampenlicht: Markus Urban (ehemaliger DDR-Auswahlspieler, der sich im Anschluss an seine Karriere als homosexuell geoutet hat), Axel Schneider (Regisseur „Seitenwechsel“ und Intendant der Hamburger Kammerspiele) sowie DFB-Ehrenvizepräsident Karl Schmidt, der in Vertretung von DFB-Präsident Theo Zwanziger erschienen war.

Bei der von Ronny Blaschke, Autor des Buches „Versteckspieler“, moderierten Diskussion ging es darum, ob sich Fußball und Homosexualität ausschließen und ob in der „Männerbastion“ Schwulsein nach wie vor ein Tabu ist. Dass das so ist, daran liess der Schauspieler Stefan Jürgens, welcher in dem Stück George, Trainer von Northbridge Town, verköpert, keinen Zweifel: „Wir sind auf dem Weg. Aber wir sind noch lange nicht angekommen. Da sind wir in der Politik schon weiter. Das heißt aber noch lange nicht, dass unsere Gesellschaft so wahnsinnig tolerant den Homosexuellen gegenüber geworden ist. Was auffällt: Im Fußball ist es tabu, nach wie vor. Und ich begrüße es sehr, dass Herr Zwanziger und der DFB jetzt da einsteigen.“

Doch dass das Tabu keines bleibt, dafür will auch der Regisseur dieses Stückes sorgen. Er sei fasziniert von der Sprengkraft der Thematik und stellte fest, dass Homosexualität in Politik und Kultur mittlerweile normal ist - nur im Fußball eben nicht. Gewürzt wurde diese Veranstaltung durch die Anwesenheit von Repräsentanten von Queer Football Fanclubs und MitgliederInnen vom Aktionsbündnis gegen Diskriminierung § 6 (2)a vom FC St. Pauli, die im Plenum saßen.

 


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