Gedenkort für Hilde Radusch
Zusammen mit den Initiatorinnen, Miss Marples Schwestern - Netzwerk zur Frauengeschichte vor Ort, weihte Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler die drei Emaille-Tafeln ein, die an das Leben und Wirken von Hilde Radusch erinnern.

3 beschriftete Emailletafeln auf verzinktem Stahl-Gestänge mit Betonhockern
Die drei Schilderobjekte bilden einen intimen, öffentlichen Raum – einen Begegnungsort mit Hilde Radusch vor ihrem Wohnort in der Eisenacher Straße, Berlin-Schöneberg
© denktafeln · meier | baumeister
Die Idee, an Hilde Radusch im öffentlichen Raum zu erinnern, wurde in den Auseinandersetzungen um das Denkmal für die in der NS-Zeit verfolgten Homosexuellen geboren. Wieder einmal sollten Frauen vergessen bzw. ausgegrenzt werden. Dagegen wollten Miss Marples Schwestern (MMS), das Netzwerk zur Frauengeschichte vor Ort, ein Zeichen setzen. Nach fünf Jahren beständigem Intervenieren erhielt heute, am 22. Juni 2012, Berlin nun den ersten Gedenkort, der an eine lesbische Frau erinnert.
Zunächst wollten Miss Marples Schwestern (MMS) einen Stolperstein für Hilde Radusch setzen lassen vor dem Haus in der Eisenacher Straße 14/15 in Berlin-Schöneberg, in dem sie die letzten Jahrzehnte gelebt hatte. Stolpersteine gibt es in diesem Bezirk aber nur für in der NS-Zeit Ermordete. Die Anbringung einer Gedenktafel an dem Haus wurde durch den Hausbesitzer verhindert. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen und sie öffentlich zu machen, entwickelten Miss Marples Schwestern einen Stadtrundgang zu Lebensstationen von Hilde Radusch. Artikel wurden geschrieben und mehrere Veranstaltung durchgeführt.
Die Unterstützung der Bezirksverordnetenversammlung und des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg ermöglichte schließlich die Schaffung eines Gedenkortes auf öffentlichem Gelände am ehemaligen Wohnhaus von Hilde Radusch. Die Ideen für die Gestaltung wurden von MMS mit den Künstlerinnen Anita Meier und Roswitha Baumeister von „Denktafeln“ entwickelt, die auch die Umsetzung übernahmen. Finanziert werden konnte der Gedenkort durch zahlreiche kleine und große Spenden sowie durch einen Zuschuss des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg. MMS bedanken sich bei allen Unterstützerinnen und Mitwirkenden.
Ebenfalls auf Vorschlag von Miss Marples Schwestern wurde 2012 in Berlin-Mitte in der Nähe des Alexanderplatzes eine neue Straße nach Hilde Radusch benannt. Sie liegt zwischen dem ehemaligen Polizeigefängnis und dem Frauengefängnis Barnimstraße, wo Hilde Radusch 1933 inhaftiert war, und der Torstraße, wo sie zusammen mit ihrer Freundin Eddy während der NS-Zeit lebte und einen Mittagstisch betrieb.
Hilde Radusch wurde am 6. November 1903 in Altdamm bei Stettin geboren und ist in Weimar in einem bürgerlichen konservativen Elternhaus aufgewachsen. Am 2. August 1994 starb sie in Berlin und wurde auf dem Matthäuskirchhof in Berlin-Schöneberg beigesetzt.
„Nicht Opfer, sondern immer Kämpferin.“ Hilde Radusch
Ihr Leben lang hat sich Hilde Radusch der Festlegung auf Geschlechterrollen widersetzt. Auch wenn die Tochter der Mutter die Zustimmung zum Studium nicht abringen konnte, entkam sie deren Plan einer standesgemäßen Heirat mit der Ausbildung als Kinderhortnerin am renommierten Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin. Doch mehr Anziehungskraft als die dort gepflegte Tradition der Frauenbewegung übte die kommunistische Bewegung auf die 18-jährige Neuberlinerin aus. Weil die Roten Frontkämpfer keine Frauen aufnehmen wollten, initiierte sie mit anderen zusammen den Roten Frauen- und Mädchenbund.
Weil KPD-Mitgliedschaft und Stellenmangel ihrer Arbeit als Erzieherin im Wege standen, wurde Hilde Radusch „Telefonfräulein“ beim Berliner Fernmeldeamt. Vermeintlich weibliche Fingerfertigkeit und angenehme Stimme, vor allem aber die geringe Bezahlung hatten die Telefonvermittlung zum Frauenberuf gemacht. Unter den jungen Frauen fand Hilde Radusch ihre erste Frauenbeziehung.
Weil sie sich gegen Vorgesetzte zu wehren wusste, wählten sie die Kolleginnen zur Betriebsrätin. Ihre Partei honorierte diesen Erfolg mit ihrer Nominierung für die Berliner Stadtverordnetenversammlung, der sie von 1929 bis 1932 angehörte. Als emanzipierte, frauenliebende Frau eckte sie zu sehr an, um noch einmal aufgestellt zu werden. Bereits 1930 als Kommunistin aus dem öffentlichen Dienst entlassen, nahmen sie die Nationalsozialisten 1933 fünf Monate in „Schutzhaft“ und stellten sie anschließend unter Gestapo-Überwachung.
Zusammen mit ihrer neuen Lebensgefährtin Else Klopsch, genannt Eddy, betrieb sie einen Mittagstisch, der auch der Tarnung diente, anderen Verfolgten zu helfen. Im August 1944 vor erneut drohender Verhaftung gewarnt, überlebte sie die NS-Zeit untergetaucht mit der Freundin in einer Laube in Prieros bei Königswusterhausen.
Halbverhungert und gesundheitlich für den Rest ihres Lebens beeinträchtigt, baute sie nach der Befreiung im Mai 1945 in Berlin-Schöneberg die Hilfsstelle für die „Opfer des Faschismus“ auf. Nach Auseinandersetzungen mit der KPD, bei der es auch um ihre lesbische Lebensweise ging, verlor Hilde Radusch 1946 nicht nur ihre politische Heimat, sondern auch ihren Arbeitsplatz.
Erst nach jahrelangen Kämpfen erhielt Hilde Radusch eine kleine Erwerbsunfähigkeitsrente. 1960 starb Eddy an Krebs. Die Jahrzehnte heimatlose Linke ergreift in der Neuen Frauenbewegung die Chance, sich wieder einzumischen. Sie wurde Mitbegründerin der L 74, in der sich ältere Berliner Lesben zusammenschlossen. Als Mittlerin zwischen den Generationen trat sie als Zeitzeugin bei zahlreichen Frauenveranstaltungen auf und wurde Ehrenmitglied des 1976 gegründeten Frauenforschungs-, bildungs- und –informationszentrums FFBIZ.
Rechtzeitig hat die Alleinstehende einen Kreis von jüngeren Freundinnen um sich geschart, die die im Rollstuhl Sitzende, die am Schluss ihre Wohnung nicht mehr verlassen konnte, betreuten. Ihr ganzes Leben lang las sie, diskutierte über Politik und Philosophie, aber auch über Spiritualität und Astrologie, notierte ihre unkonventionellen Ansichten, schrieb Artikel und Gedichte. 1978 veröffentlichte sie „Zusammengeharktes“.



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Durch die Erwähnung des Denkmales für die ermordeten Homosexuellen könnte der Anschein erweckt werden, Hilde Radusch wäre wegen ihrer lesbischen Lebensweise verfolgt worden. Im Schluss des Artikels wird dann richtiger Weise darauf hingewiesen, dass es die Zugehörigkeit zum Kommunismus, der ausschlagende Grund war. Und ausgerechnet die Kommunistische Partei hatte dann ein Problem mit der lesbischen Wegbereiterin. Unglaublich!